Rudi-Geschichten 2019

Rudi entdeckt die Welt und nimmt Euch mit auf eine spannende Entdeckungsreise!

Rudi hat schon Verbrecher gejagt, einen Ausflug ins Weltall unternommen und gelernt, wie die Zeitung entsteht. Einmal hat eine Bank extra für ihn die verschlossenen Türen ihres Tresors geöffnet. Vergangenes Jahr hat Rudi das Allgäu kennengelernt. Er war zum Beispiel auf dem Grünten, hat eine Sennerei besucht und Schloss Neuschwanstein gesehen. Nun gehen die Abenteuer von Rudi, dem Maskottchen der Aktion „Zeitung im Kindergarten“, in eine neue Runde. Vorschulkinder aus knapp 70 Kindergärten im gesamten Allgäu bekommen kostenlos jeden Tag die Zeitung geliefert und werden bei dem Projekt bis zum 5.April basteln, lernen und spielen. Was der kleine Mäuserich in den täglichen Geschichten erlebt? Nur so viel sei verraten: Normalerweise lebt der kleine Mäuserich mit seinen Eltern im großen Zeitungshaus. In den nächsten Wochen aber wird er ferne Länder entdecken. Heute veröffentlichen wir die erste von 18 neuen Abenteuergeschichten mit Rudi.

Rudi schlägt die Augen auf und ist ganz aufgeregt. Endlich ist er da, der große Tag, auf den er sich schon so lange gefreut hat. Im Zeitungshaus gibt es nämlich heute ein Fest. Und Feste mag Rudi besonders gern. Am meisten freut er sich auf die Musik und auf das Essen. Denn wenn im Verlag ein Fest gefeiert wird, kann er immer etwas stibitzen. Ein Stück Käse oder Speck, wenn er Glück hat vielleicht sogar ein Eck vom Kuchen. Rudi läuft das Wasser im Mund zusammen. Hungrig schlüpft er aus seinem Mäusebett.

Mama Maus und Papa Maus sind auch schon wach. Sie sitzen gut gelaunt in ihrer Mäuseküche beim Frühstück. Und weil sie so gut gelaunt sind, erlauben sie Rudi auch, auf das Fest zu gehen. Rudi kann sein Glück kaum fassen. „Aber pass gut auf dich auf“, sagt Mama Maus. „Ja mach ich“, ruft der kleine Mäuserich noch. Dann huscht er blitzschnell aus dem Mauseloch hinaus – und schaut sich neugierig um. Wo mag das Fest nur stattfinden? Das Zeitungshaus ist groß. Es gibt ganz viele Büros und andere Räume. Und die Druckerei nicht zu vergessen.

Rudi überlegt. Dann erinnert er sich an den Rat, den Oma Maus ihm einmal gegeben hat: immer der Nase nach. Denn seine Nase hat Rudi noch nie im Stich gelassen. Kaum ist er ein paar Schritte gegangen, riecht er auch schon etwas. Nur was? Käse ist es nicht. Wie der duftet, das weiß Rudi nur zu gut. Auch Speck hat einen ganz anderen Geruch. Neugierig geht Rudi weiter. Jetzt dringt Musik an sein Ohr. Er geht ums Eck und sieht einen großen Raum. Er ist ganz festlich geschmückt, mit Girlanden und bunten Lichtern. Mit großen Augen blickt Rudi sich um. (sih)

Rudi kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. So schön dekoriert hat er das Zeitungshaus noch nie gesehen. Von der Decke hängen Luftschlangen und an den Fenstern kleben bunte Bilder. Überall gibt es Blumen und mitten im Saal steht sogar eine echte Palme. „Wow“, denkt Rudi. „Das ist ja fast wie im Urlaub.“ Den Geruch von vorhin hat er immer noch in der Nase. Auch jetzt kann Rudi nicht zuordnen, wo er herkommt. Würzig riecht es, aber auch gleichzeitig süß. Fast wie ganz viele Gerüche auf einmal. Rudi schnuppert an den Blumen. Nein, die duften zwar auch gut, aber ganz anders. Neugierig geht Rudi durch den Raum. Immer stärker wird der Geruch. Und da endlich sieht der Mäusejunge, wo der Geruch herkommt.

Vor ihm steht eine große silberne Platte. Darauf liegen ganz viele verschiedene Speisen, die diesen köstlichen Duft verströmen. Der Mäusejunge geht näher an die Platte heran. Manches von dem Essen kennt er schon. Da gibt es Spaghetti, Gemüse, Fisch und Pommes. Anderes dagegen hat Rudi noch nie gesehen. Vor ihm liegt etwas, das aussieht wie dünne Teigrollen. Und Fleisch, das außen ganz arg glänzt. Und eine Schale mit allerlei Zutaten, die Rudi ganz unbekannt vorkommen.

„Grrrrr“ macht es auf einmal so laut, dass Rudi sich richtig erschrickt. Überrascht blickt er sich um. Da hört er es wieder. „Grrrrr“, tönt es ganz in seiner Nähe. Als er versteht, wo das Geräusch herkommt, muss der Mäusejunge laut lachen: Es ist sein Magen, der vor lauter Hunger knurrt. Praktisch, dass er hier so eine große Auswahl gibt. „Was soll ich nur zuerst probieren?“, fragt sich Rudi. „Etwas, das ich schon kenne? Oder soll ich mutig sein und etwas Fremdes naschen?“ Weil er einen solchen Hunger hat, schnappt sich Rudi zwei Pommes. Da weiß er schließlich, was ihn erwartet. Rudi nimmt einen Bissen. Die Pommes schmecken himmlisch. Da fängt plötzlich alles an sich zu drehen, Rudi sieht Farben und Formen an sich vorbeifliegen. Als der Wirbel wieder zur Ruhe kommt, traut der kleine Mäuserich seinen Augen kaum. (sih)

Amerika

Fassungslos schaut Rudi sich um. Vor ihm steht eine riesige Statue auf einem Sockel. Sie ist so groß, dass er die Spitze kaum sehen kann. Aber es ist eine Frau, das kann Rudi erkennen. Sie sieht ganz grün aus, auf dem Kopf trägt sie eine riesige Krone mit spitzen Zacken. In der rechten Hand hält die Frau eine Fackel, die sie stolz in die Höhe reckt. Schön sieht das aus, aber Rudi ist trotzdem ganz verwirrt. „Wo bin ich hier?“, fragt er sich. Überall um ihn herum wuseln Menschen.

In der Nähe macht es sich eine Taube auf dem Sockel der Statue gemütlich. Der Mäuserich geht auf sie zu und stellt ihm seine Frage. „Wir sind hier in New York“, antwortet die Taube. New York. Rudi kann es kaum glauben. „Das ist doch in Amerika“, ruft er laut. Die Taube grinst. „Stimmt“, sagt sie. Rudi blickt auf die Pommes-Reste, die er noch in der Hand hält. „Essen Amerikaner die nicht mit Vorliebe?“, wundert er sich. Da fällt ihm die silberne Platte im Zeitungsverlag wieder ein, von der er die Pommes stibitzt hat. Das muss eine Zauberplatte gewesen sein, die ihn in das fremde Land gebracht hat.

Rudis Blick fällt wieder auf die Statue. „Was du da vor dir siehst, ist die Freiheitsstatue“, erzählt die Taube. „Sie ist das Wahrzeichen von New York und fast 93 Meter hoch.“ 93 Meter? Das kann Rudi kaum glauben. „Das ist ja länger als ein Fußballfeld“, sagt er erstaunt. Eine ganze Weile noch plaudert er mit seiner neuen Freundin, dann aber muss die Taube weiter. „Was heißt Danke auf Amerikanisch?“, fragt Rudi noch schnell. „Thank you“, sagt die Taube und flattert davon. „Thank you“, ruft Rudi ihr hinterher. Dann isst er die Reste der Pommes auf und sitzt kurze Zeit später wieder im Zeitungshaus vor der silbernen Platte. Nachdenklich starrt er die Speisen darauf an. In welche Länder sie ihn wohl noch entführen werden? (sih)


Ägypten

Rudi denkt nach. Er überlegt, ob er nicht doch einmal etwas Neues kosten soll. Etwas, das er vorher noch nie gegessen hat. „Aber was ist, wenn das nicht schmeckt?“, fragt er sich. Da fällt ihm ein weiterer Rat von Oma Maus ein. Die sagt nämlich immer: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ So ganz hat er nie verstanden, was das eigentlich heißen soll. Aber er weiß, was es ungefähr bedeutet. Nämlich, dass man sich auch mal etwas trauen muss. Also schnappt sich Rudi eine Schüssel in der sich viele verschiedenen Zutaten befinden. Misstrauisch späht er in die Schale. Kleine Nudeln kann er erkennen und Linsen. Und etwas, das aussieht wie geschälte Haselnüsse. Mutig knabbert er an dem runden Ding. „Das ist keine Nuss, dazu ist es viel zu weich“, denkt er noch. Dann beginnt der Farbenwirbel wieder.

Als sich die Umgebung um ihn herum verfestigt, spürt Rudi Sand zwischen seinen Zehen. Und ganz warm ist es auch. Er blinzelt in die Sonne. „Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo ich hier gelandet bin“, denkt sich Rudi. Er geht ein paar Schritte in den Schatten und schaut sich in Ruhe um. Den Schatten, in dem er steht, wirft ein riesiges Bauwerk aus großen Steinen, das fast aussieht wie ein Dreieck. Die Steine sind so aufeinandergeschichtet, dass sie wie eine übergroße Treppe wirken. Nach oben hin läuft das Bauwerk spitz zu. Links und rechts davon stehen zwei andere Bauwerke, die fast genauso aussehen wie das in der Mitte. „Das sind Pyramiden“, sagt eine Stimme neben ihm.

Verdutzt blickt Rudi sich um. Da steht ein Kamel. Ein waschechtes Kamel mit einem Höcker auf dem Rücken. „Ich heiße Cleopatra und bin nach einer ägyptischen Herrscherin benannt“, sagt das Kamel. „Dann bin ich hier also Ägypten?“, ruft Rudi erstaunt. „Ganz genau“, sagt Cleopatra. „Das hättest du schon an den Pyramiden erkennen können, für die sind wir hier nämlich bekannt.“ Aufmerksam sieht Rudi sich die riesigen Pyramiden an. „Da würde ich ja gerne einmal hineingehen“, sagt er. Cleopatra schmunzelt. „Die Gänge in den Pyramiden sind ganz verzweigt und verwinkelt. Da könntest du dich leicht verlaufen“, sagt sie. Rudi wagt sich trotzdem näher an die Pyramiden heran. Da hört er im Sand hinter sich leise Schritte. Erschrocken dreht Rudi sich um – und blickt in ein Paar große gelbe Augen. (sih)

Rudi steht da wie angewurzelt. Über den großen gelben Augen ragen zwei spitze Ohren hervor, dazu kommen eine feuchte Schnauze und lange, dünne Schnurrhaare. „Oh nein“, ruft Rudi. „Eine Katze!“ Und schon saust er davon. Er passt gar nicht auf, wo er hin läuft. Im Sand ist es mit seinen kleinen Pfoten gar nicht so leicht, voran zu kommen. Die Katze hinter ihm scheint besser daran gewöhnt zu sein. Auf jeden Fall kommt sie immer näher. Rudi sieht nur einen einzigen Ausweg: hinein in eine der drei Pyramiden. Kurz denkt er noch daran, was Cleopatra über die verwinkelten Gänge gesagt hat und wie leicht man sich darin verirren kann. Dann schlüpft er auch schon durch einen Spalt zwischen den Steinen in die Pyramide hinein.

Ganz schön düster wird es auf einmal. Rudis Augen müssen sich erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen. Nach und nach erkennt er seltsame Zeichnungen an den Wänden. Langsam traut er sich vorwärts. Manche der Bilder zeigen Tiere, andere Menschen, auch ein Auge kann Rudi erkennen. Dann wieder sieht er seltsame Formen, von denen er so gar nicht weiß, was sie bedeuten sollen. Ganz fasziniert geht Rudi weiter, gespannt, welche Zeichnungen als nächstes auftauchen. Er läuft links ums Eck, dann geht es wieder nach rechts, immer tiefer ins Innere der Pyramide hinein. Erst kann er seinen Blick gar nicht von den Wänden lösen, bald aber wiederholen sich die Zeichnungen. Und wer sie dorthin gemalt hat und warum, das kann er auch nicht entschlüsseln. Kalt wird es in der Dunkelheit langsam außerdem. Ängstlich blickt Rudi sich um. Ob er wohl wieder nach draußen findet? (sih)

Rudi atmet tief durch. Jetzt muss er sich auf seinen Mäusespürsinn verlassen. Er läuft die schmalen Gänge entlang. Ging es hier nun nach links oder nach rechts? Langsam bekommt es Rudi mit der Angst zu tun. Wenn ihm doch nur jemand den Weg zeigen könnte. „Brauchst du Hilfe?“, fragt da eine freundliche Stimme. Vor Rudi taucht aus der Dunkelheit ein großer Käfer auf. Rudi kann nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. „Ich habe mich verlaufen“, sagt er. „Mach dir keine Sorgen“, sagt der Käfer. Ich wohne schon seit Jahren hier in der Pyramide. Ich kenne jeden Stein und jeden Gang.“ Erleichtert folgt Rudi dem Käfer. Jetzt wo er keine Angst mehr hat, erwacht seine Neugierde wieder.

„Was sind das für Zeichnungen an der Wand“, fragt Rudi den Käfer. „Das sind Hieroglyphen“, antwortet der. „Hieroglyphen“, wiederholt Rudi angestrengt. Ein ganz schön seltsames Wort, findet er. Und unglaublich kompliziert noch dazu. Fast so kompliziert wie die Zeichnungen selbst. „Hieroglyphen waren die Schrift der alten Ägypter“, erklärt der Käfer Rudi. „Statt Buchstaben zu schreiben, haben sie die Zeichnungen benutzt. Das erscheint Rudi logisch. Er selbst kann schließlich auch noch nicht schreiben und malt viel lieber Bilder.

Rudi möchte dem Käfer noch so viele Fragen stellen, aber schon haben die beiden den Ausgang der Pyramide erreicht. Eines muss Rudi aber noch wissen. Er hält dem Käfer die Schale mit den vielen Zutaten hin, die er von der silbernen Platte im Zeitungshaus genommen hat. „Was ist das?“ fragt er. „Das ist Kuschari, ein traditionelles ägyptisches Essen“, sagt der Käfer. „Es besteht hauptsächlich aus Nudeln, Linsen und Kichererbsen.“ Kichererbse. Rudi muss lachen. So heißt das Ding also, das er zuerst für eine Nuss gehalten hat. Rudi sagt dem Käfer Danke, „shokran“ heißt das auf ägyptisch, und geht wieder ins Freie hinaus. „Hoffentlich ist die Katze mittlerweile weg“, denkt er. Wegen ihr ist er ja überhaupt erst in die Pyramide gegangen. (sih)

Ein kurzer Blick nach links, einer nach rechts – und Rudi kann durchatmen. Die Katze ist weg. Gott sei Dank. Nach der ganzen Aufregung möchte er einfach nur zurück ins Zeitungshaus. Er knabbert wieder an der Kichererbse, der Farbenwirbel beginnt und kurze Zeit später sitzt Rudi wohlbehalten vor der Zauberplatte. „Käse“, denkt er sich. „Nach der Begegnung mit der Katze und den verwirrenden Gängen in der Pyramide brauche ich ganz dringend Käse. Am besten einen schönen Allgäuer Bergkäse.“ Nur leider liegt auf der Platte kein Bergkäse. Aber auf einem Stück ganz hellem Brot sieht er etwas, das zumindest wie Käse riecht. Es ist außen weiß und innen ganz cremig und gelblich. „So etwas habe ich doch schon einmal gesehen“, denkt sich Rudi. Und da fällt es ihm ein. „Das ist Camembert! Ein Käse auf Frankreich, den Oma mal aus ihrem Urlaub mitgebracht hat.“ Frankreich! Da würde Rudi ja gerne einmal hin. Also beißt Rudi mit Appetit in das Camembert-Brot.

Frankreich

Um ihn herum dreht sich wieder alles, aber so langsam gewöhnt sich Rudi an diese Art zu reisen. Es macht ihm sogar richtig Spaß. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hat, ist er genau da, wo er es erwartet hat: in Paris, der Hauptstadt von Frankreich. Und natürlich ist die Zeitungsmaus nicht irgendwo in Paris gelandet, sondern vor dem Wahrzeichen der Stadt, dem Eiffelturm.

Der sieht ganz anders aus, als Rudi es sich vorgestellt hat. Er ist nämlich nicht aus Stein, wie die Türme, die er aus seinen Ritterbüchern kennt, sondern aus Eisen. Und er ist richtig, richtig hoch. Noch viel höher als die Statue in Amerika. Damit Rudi die Spitze überhaupt sehen kann, muss er sich ganz schön anstrengen. „Von da oben muss man einen tollen Ausblick haben“, denkt Rudi. Er überlegt, wie er da nur hinaufkommen könnte. Genau wie in New York an der Freiheitsstatue fliegen viele Tauben um den Turm herum. Ob ihn wohl eine von ihnen mit nach oben nehmen würde? „Aber das könnte ganz schön wackelig werden“, überlegt Rudi. (sih)

Als neben Rudi eine Taube landet, fragt er sie, wie er auf den Eiffelturm kommen könnte, ohne zu fliegen. „Nun“, sagt die Taube. „Da gibt es zwei Möglichkeiten: Bis in den zweiten Stock kann man laufen. 720 Stufen sind es bis dahin. Aber wenn du wirklich bis ganz nach oben möchtest, musst du den Aufzug nehmen.“ Die Taube deutet auf eine lange Menschenschlange. Sie alle stehen an, um mit dem Aufzug nach oben zu fahren. Über 300 Meter hoch ist der Eiffelturm, erzählt die Taube. „300 Meter?“, staunt der kleine Mäuserich. „Das ist ja mehr als dreimal so hoch wie die Freiheitsstatue.“

Rudi denkt nach. Er würde wirklich gerne von oben über die Stadt schauen. Gerade steht ein Aufzug untern am Turm bereit, um Besucher mit nach oben zu nehmen. „Wenn, dann jetzt“, sagt Rudi sich. „Danke“, ruft er der Taube zu. Dann rennt er los und schlängelt sich durch die Beine der wartenden Menschen. In letzter Sekunde schafft er es noch in den Aufzug, dann gehen die Türen hinter ihm zu.

Dann geht es nach oben. Die Aufzüge sind ganz schön schnell, findet Rudi. Nach einem Zwischenstopp in der zweiten Etage kommt Rudi ganz oben an. Er steigt aus dem Aufzug und kann seinen Augen kaum trauen. So hoch oben war er noch nie. Ein bisschen mulmig wird ihm schon, als er nach unten schaut. Aber bei der tollen Aussicht vergisst er das schnell. Egal, in welche Himmelsrichtung er blickt, überall sieht er bis zum Horizont Häuser, Straßen, Kirchen und andere Gebäude. „Die Stadt muss ja riesig sein“, denkt Rudi. Da hört er plötzlich leise Hilferufe. (sih)

„Hilfe, Hilfe!“ Rudi blickt sich aufgeregt um. Er guckt nach links und nach rechts, kann aber niemanden sehen, der Hilfe bräuchte. Dann schaut er nach oben und erkennt, was los ist: Ein Schmetterling hat sich in einem Gitter verfangen. Denn weil der Eiffelturm so hoch ist, wurde ganz oben eine Art Zaun rund herum gespannt, damit niemand aus Versehen hinunterfällt. Und genau darin steckt ein zitronengelber Schmetterling fest. Ganz aufgeregt schlägt er mit den Flügeln. Aber so sehr er auch flattert, er kommt einfach nicht los. „Ganz ruhig“, ruft Rudi ihm zu. „Du musst dich entspannen.“ Und das macht der Schmetterling denn auch. Er atmet tief durch, bewegt sich ganz vorsichtig und nach und nach kann er sich befreien.

„Uff, das war anstrengend“, stöhnt der Schmetterling. Er fliegt zu Rudi hinunter, setzt sich neben ihn und betrachtet seine zerzausten Flügel. „Danke, dass du mir geholfen hast. Oder besser merci, wie wir hier in Frankreich sagen“, sagt der Zitronenfalter zu der Zeitungsmaus. „Kann ich denn auch etwas für dich tun?“

Rudi hält dem Schmetterling das weiße Brot hin, das er von der Zauberplatte genommen hat und auf dem der Camembert-Käse liegt. „Ich weiß, dass das französischer Käse ist“, sagt der Mäuserich. „Aber was ist das für ein Brot?“, fragt er. „Das ist ein Baguette“, erklärt der Zitronenfalter. Dafür sind die Leute hier berühmt. Wenn es nicht aufgeschnitten ist, ist es so lang wie ein Besenstiel und die Menschen tragen es unter dem Arm.“

Rudi muss kichern. Ein Brot, das so lang ist, dass man es unter dem Arm tragen muss? Das hat er ja noch nie gesehen. „Bist du denn zum ersten Mal in Paris?“, fragt der Schmetterling. „Ja“, antwortet die Zeitungsmaus. „Dann gibt es für dich viel zu entdecken“, meint der Zitronenfalter. „Da drüben, das ist Notre Dame. Eine ganz berühmte Kirche, vielleicht die berühmteste überhaupt. Und das da hinten, das ist der Triumphbogen, von da aus hat man auch einen ganz tollen Ausblick.“

Rudi schaut in die Richtung, in die der Schmetterling zeigt und sieht tatsächlich einen großen Bogen. Die anderen Gebäude sehen aber von hier oben fast alle gleich aus. Wie Streichholzschachteln, nur mit Dächern und Schornsteinen. Die Zeitungsmaus ist immer noch ganz begeistert, aber der Wind bläst so hoch oben ganz schön stark.

Rudi wird kalt und er möchte gerne zurück in Warme. „Danke“, sagt Rudi zu dem Zitronenfalter. „Danke, oder besser merci.“ Dann beißt er in sein Brot, das ja richtig Baguette heißt, und alles fängt wieder an, sich zu drehen. (sih)

Zurück im Allgäu freut sich Rudi sehr darüber, dass er nicht mehr draußen im Wind steht. Das Fest im Zeitungshaus ist mittlerweile in vollem Gange. Der Mäuserich lauscht der Musik und tanzt sogar ein bisschen. Doch bald packt ihn wieder die Reiselust. Wie oft hat man schon die Gelegenheit, so schnell und einfach ferne Länder zu besuchen? Er geht zurück zur Zauberplatte und überlegt, wo er als nächstes hin möchte. In einer Schale liegen weiße Bohnen in einer roten Soße. „Das sieht ja komisch aus“, findet Rudi. Aber er beschließt, dass er wieder einmal etwas Unbekanntes probieren sollte. Also knabbert er an einer Bohne und los geht es.

England

Rudi wirbelt herum. Als er wieder zur Ruhe kommt sieht er, dass er an einem Fluss sitzt, über den eine große Brücke ragt. Auf ihr fahren ganz viele Autos. Links und rechts von der Brücke erheben sich zwei riesige Türme. Auf dem Fluss fährt ein Schiff, dass immer näher an die Brücke herankommt. „Stop“, ruft Rudi da so laut er kann. „Das Schiff ist doch viel zu groß, das passt gar nicht unter der Brücke durch.“ Doch niemand reagiert, das Schiff fährt einfach weiter. Rudi ist ganz aufgeregt. „Keine Sorge, das ist hier in London keine Besonderheit“ , sagt da eine tiefe Stimme. „Du warst wohl noch nie zuvor in England, oder?“ Neben Rudi ist ein Rabe gelandet, der ihn ganz entspannt anschaut. „Pass auf, gleich bekommst du etwas tolles zu sehen“, sagt er.

„Ich bin also in England, genauer gesagt in London“, denkt Rudi. „Das muss wohl die Hauptstadt sein, so viel wie hier los ist.“ Ganz ungeduldig wartet er, was jetzt wohl passieren mag. Er beobachtet die Brücke ganz genau und merkt plötzlich, dass gar keine Autos mehr auf ihr fahren. Gerade als er den Raben fragen will, warum das so ist, fängt die Brücke an sich zu bewegen.

In der Mitte zwischen den zwei Türmen entsteht eine Lücke. Die Fahrbahn, auf der kurz zuvor noch so viele Autos unterwegs waren, besteht jetzt aus zwei Teilen. Der linke Teil klappt in Richtung des linken Turms nach oben, der rechte Teil zum rechten Turm. Und schwups fährt das Schiff zwischen den Türmen hindurch, ohne dass etwas kaputt geht. „So etwas habe ich ja noch nie gesehen“, ruft Rudi und kann kaum fassen, was da vor seinen Augen passiert. „Ja“, sagt der Rabe. „Wir Engländer sind eben ganz tolle Erfinder. Und unsere Tower Bridge macht uns so schnell niemand nach.“ „Tower Bridge?“, fragt Rudi. „Was ist das?“ „Na die Brücke, die du die ganze Zeit beobachtete hast“, sagt der Rabe und lacht. „Aber hier in London gibt es noch viel aufregendere Dinge zu sehen als die Tower Bridge.“ (sih)

Gespannt blickt Rudi den Raben an. „Was kann man denn hier außer der Brücke noch alles tolles sehen?“, fragt er. „Komm mit“, sagt der Rabe. „Ich zeige es dir.“ Er streckt einen Flügel aus und bedeutet Rudi, auf seinen Rücken zu klettern. Erst traut der kleine Mäuserich sich nicht. Dann aber atmet er zweimal tief durch und klammert sich mit seinen kleinen Mäusepfoten in den schwarzen Federn des Raben fest. Und schon geht es los. „Huuuiii“ macht es in Rudis Ohren, als die beiden durch die Luft sausen.

Von hoch oben kann die Zeitungsmaus die ganze Stadt sehen. Da ist zum Beispiel ein Riesenrad. So eines, wie er es vom Jahrmarktbesuch mit seinen Eltern kennt, nur viel höher. Und ein Turm, mit einer ganz großen Uhr dran. Und viele alte Bauwerke, aber auch einige super moderne und todschicke Hochhäuser. Rudi könnte sich noch ewig umschauen, aber schon bald wird der Rabe langsamer und setzt zur Landung an. Dort wo er sich niederlässt, ist es ganz nach Rudis Geschmack: Die beiden stehen vor einer uralten Burg. „Das ist der Tower of London“, sagt der Rabe. „Eine Festung, in der ganz viele Schätze aufbewahrt werden. Zum Beispiel die Kronjuwelen.“ „Kronjuwelen? Was ist denn das?“, fragt Rudi. Der Rabe erklärt: „England ist ein Teil von Großbritannien. Und in Großbritannien gibt es auch heute noch eine echte Königin. Die hat zwar nicht mehr viel zu sagen, aber sie wohnt in einem wunderschönen Palast hier in London. Und sie hat ganz viel teuren Schmuck und Kronen und andere wichtige Dinge. Das sind die Kronjuwelen. Und damit niemand diese wertvollen Sachen einfach klauen kann, werden sie hier in der Festung sicher aufbewahrt.“

„Das muss ich unbedingt sehen“, ruft Rudi. Und schon macht er sich auf den Weg in die Burg. Alleine ist er in den alten Gemäuern aber nicht. Hunderte Touristen wollen genau wie er die Schätze der Königin sehen. Aber Rudi ist klein, er kann sich gut zwischen den vielen Menschen hindurchschlängeln. Und dann sieht er sie: Die Krone der Königin. (sih)

Die Krone der Königin glitzert und funkelt und Rudi kann seinen Blick gar nicht von ihr abwenden. Überall auf der Krone sieht er Perlen und Diamanten und andere Edelsteine. „Wie schwer die wohl sein mag?“, fragt sich Rudi. „Und liegt sie das ganze Jahr hier herum, damit die Touristen sie anschauen können? Oder setzt die Königin sie auch manchmal wirklich auf den Kopf?“. Fragen über Fragen. „Der Rabe wird es mir sicher sagen können“, denkt sich Rudi und macht sich auf den Weg nach draußen.

Der Rabe sitzt noch immer vor der Festung und wartet auf Rudi. Der Mäusejunge stellt ihm seine Fragen. Und tatsächlich, der Rabe weiß bestens Bescheid. „Die Krone ist ganz schön schwer“, sagt er. „Sie wiegt über ein Kilogramm. Das ist etwa so viel, wie ein große Flasche Wasser wiegt. Und jetzt stell dir mal vor, die müsstest du immer auf dem Kopf herum tragen. Ziemlich ungemütlich, oder? Deswegen hat die Königin die Krone auch nur ganz selten und nur bei ganz wichtigen Anlässen auf.“

Rudi staunt nicht schlecht, als er das alles erfährt. „Weißt du auch, was das ist?“, fragt Rudi den Raben und hält ihm die Schüssel mit den weißen Bohnen in der roten Soße unter den Schnabel. „Das sind baked beans“, sagt der Rabe. „Weiße Bohnen in süßlicher Tomatensoße. So etwas essen die Menschen hier zum Frühstück“, sagt der Rabe. „Bohnen zum Frühstück“, ruft Rudi und muss lachen. „Na so etwas hab ich ja noch nie gehört. Es ist zwar nicht mehr Frühstückszeit, aber ich werde trotzdem noch eine Bohne essen, damit ich wieder nach Hause komme“, sagt Rudi. „Verrätst du mir noch, was Danke auf Englisch heißt?“, fragt die Zeitungsmaus den Raben. „Thank you“, antwortet der. „Thank you? Das ist ja wie in Amerika“, stellt Rudi fest. „Stimmt genau“, sagt der Rabe. Dann fliegt er davon.

„Thank you“, ruft Rudi ihm hinterher. Dann beißt er von der Bohne ab und die Welt fängt wieder an, sich zu drehen. (sih)

Türkei

Kurze Zeit später sitzt der kleine Mäuserich wieder vor der Zauberplatte im Zeitungshaus. Nachdem es in Paris recht windig war und in London die Sonne auch nicht geschienen hat, würde Rudi jetzt gerne wieder an einen warmen Ort reisen. Er betrachtet die Speisen auf der Platte und entscheidet sich für ein längliches Stück luftiges Gebäck, das mit Käse gefüllt ist. So etwas hat er auf dem Wochenmarkt in Kempten schon einmal gesehen, denn dort gibt es schließlich auch Essen aus aller Welt. „Das ist doch Börek“, denkt Rudi. „Und wenn ich mich nicht täusche, dann kommt das aus der Türkei.“ Rasch nimmt er einen Happen und schon beginnt die Reise von neuem.

Und siehe da, Rudi hatte Recht. Er ist tatsächlich in der Türkei gelandet, genauer gesagt in Istanbul. Er hat gehört, dass es hier einen riesigen überdachten Basar geben soll, eine Art Markt, auf dem es allerhand zu kaufen gibt. Und genau nach diesem Basar macht Rudi sich jetzt auf die Suche. Er schlendert durch die Straßen und Gassen der großen Stadt und lässt sich die Sonne auf sein Fell scheinen. Ganz genau weiß er zwar nicht wo es langgeht, aber er folgt einfach wieder dem Rat von Oma Maus: Einfach der Nase nach.

Schon bald hat Rudi einen der vielen Eingänge zu dem Basar gefunden. Er schlüpft durch ein großes Tor – und bleibt dann wie angewurzelt stehen. Auf dem Gelände des Basars ist es wie in einer anderen Welt. Überall wuseln Besucher und Händler herum und die Marktstände schmiegen sich eng aneinander. Hier wird einfach alles verkauft. Es gibt Tücher aus Seide, Schmuck, Wunderlampen, allerlei Gegenstände aus Gold und Silber, Gewürze, Früchte und Süßigkeiten. Der kleine Mäuserich weiß gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll. Und das Tollste ist: Der Basar erstreckt sich nicht nur über ein paar Stände, er ist einfach riesig. Nach links und rechts geht es über viele Gassen hinweg und vorbei an hunderten Ständen. „Hier kann man sicher spannende Sachen erleben“, denkt Rudi und stürzt sich ins Getümmel. (sih)

Die Zeitungsmaus kann sich kaum satt sehen. Überall um Rudi herum wuseln Besucher, die mit den Verkäufern um die Preise der Waren streiten. Ganz besonders fasziniert ist Rudi von einem Stand, an dem Wunderlampen verkauft werden. Die meisten von ihnen sind golden und manche habe bunte Verzierungen. Eine Lampe findet Rudi noch schöner als die anderen, obwohl sie keinen Deckel hat. Sie ist riesig, golden und hat ein rotes Muster. Ganz nah geht er an die Lampe heran. Nur zu gerne will er oben in die Öffnung hineinschauen. Also klettert er kurzerhand auf die Lampe und guckt ganz vorsichtig, ob sich im Inneren etwas befindet. Da verliert er das Gleichgewicht und plumpst in die Öffnung. „Oh nein“, ruft Rudi. „Jetzt bin ich in der Lampe gefangen! Wie soll ich hier bloß wieder raus kommen? Wäre ich doch nur nicht so neugierig gewesen.“

Rudi überlegt. „Ich könnte um Hilfe rufen“, denkt er. „Aber auf dem Basar ist es so laut, dass mich wohl niemand hören würde.“ Die Zeitungsmaus fängt an, in der Lampe auf und ab zu hüpfen. Er hofft, dass sie so umkippt und er wieder nach draußen gelangt. Rudi hüpft und hüpft aber nichts passiert.

Langsam verlässt den Mäuserich der Mut. Und sein Magen fängt auch schon wieder an zu knurren. Da fällt ihm das Stück Börek ein, das er noch in der Tasche hat. Herzhaft beißt Rudi hinein – und erst da fällt ihm auf, dass er so ja auch wieder nach Hause kommt. Die Zeitungsmaus muss über sich selbst lachen. „Daran hätte ich auch früher denken könne“, findet er. Und kaum hat er hinuntergeschluckt, ist er auch schon zurück im Zeitungshaus.

Er ist erleichtert darüber, dass sein Abenteuer in der Türkei so gut ausgegangen ist. Und weil ihm ja nichts Schlimmes passiert ist, möchte er auch gleich wieder los und ein neues Land kennenlernen. Aufmerksam blickt er sich auf der Zauberplatte um – und greift nach einem Stück Pizza. Wo die ihn hinbringt, kann er sich nur zu gut vorstellen. (sih)

Italien

Alles um Rudi herum dreht sich und als sich der Farbenwirbel gelegt hat, ist sich der Mäuserich ganz sicher, dass er in Italien ist. Er blickt sich um und erwartet, dass er das Meer und einen Sandstrand sieht. Stattdessen steht er mitten auf einer grünen Wiese und schaut auf einen Turm, der ganz schön schief ist. „Da kann doch etwas nicht stimmen“, denkt er. „Bin ich hier wirklich in Italien? Und warum steht der Turm da so schief? Ob der wohl bald umfällt? Der kleine Mäuserich ist ganz verdattert – und so sieht er anscheinend auch aus.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragt eine Stimme neben ihm. „Du guckst ganz schon verwirrt.“ Rudi schaut neben sich und sieht einen Grashüpfer, der ihn verschmitzt anlächelt. „Wo bin ich hier? Offenbar nicht in Italien, oder?“, fragt Rudi. „Und was ist das für ein Turm? Ist das nicht gefährlich, dass der so schief steht?“. Der Grashüpfer lacht. „Doch doch, du bist hier schon in Italien, aber eben nicht direkt am Strand, sondern in einer Stadt. Genauer gesagt in Pisa. Und das da vorne, das ist der sogenannte Schiefe Turm von Pisa. Warum er so heißt, das kannst du dir ja denken. Er ist nun einmal, naja, schief. Er ist das Wahrzeichen der Stadt. Jeder, der in Pisa ist, schaut sich diesen Turm an. Gefährlich ist das Ganze aber nicht. Der Turm steht schon seit hunderten Jahren so schief, und umgekippt ist er bisher ganz offensichtlich nicht.“

Der Grashüpfer hat so viel und so schnell geredet, dass Rudi kaum mitgekommen ist. „Uff“, sagt der Mäuserich und lässt sich ins Gras plumpsen. Eigentlich hat er sich auf buntes Treiben am Strand eingestellt. Aber so ist es auch nicht schlecht, findet die Zeitungsmaus. Die Sonne scheint Rudi aufs Fell, ein Eisverkäufer klingelt mit seiner Glocke und ruft „Gelato, Gelato“ und Rudi schließt ganz gemütlich die Augen und genießt das Leben in Bella Italia. Nach dem ganzen Herumreisen tut dem Mäuserich diese Pause richtig gut. Und er weiß es zwar noch nicht, aber die nächste Speise wird ihn so weit weg von zu Hause bringen, wie er es noch nie zuvor war. (sih)

„Ewig könnte ich so im Gras liegen“, denkt sich Rudi und blinzelt in die Sonne. „Italien ist schon ein schönes Fleckchen“, findet er. Aber schließlich will der Mäuserich noch so viele Länder wie möglich kennenlernen. Also beißt er in seine Pizza und schon ist er wieder zurück im Zeitungshaus. Als nächstes schnappt sich Rudi von der Zauberplatte ein Stück Fleisch, das ganz arg glänzt. Das hat ihn schon lange fasziniert, aber bisher hat er sich nicht getraut, hineinzubeißen. Jetzt nimmer er allen Mut zusammen und nimmt einen Bissen. „Mmmhhh, schmeckt das lecker“, denkt Rudi noch. Dann beginnt der Farbenwirbel.

China

Als er wieder festen Boden unter den Füßen hat, staunt er nicht schlecht. Er steht mitten auf einer riesengroßen Mauer, die sich durch die Landschaft schlängelt. Er guckt nach links und nach rechts, aber auf beiden Seiten zieht sich die Mauer so lange dahin, dass er gar kein Ende sehen kann. „Unglaublich“, denkt Rudi. „Wie lang diese Mauer sein mag? Und wie alt sie wohl ist?“ Sie sieht so aus, also würde sie schon immer genau dort stehen, wo sie jetzt eben steht. Die Mauer zieht sich über Berge hinweg und zwischen Wäldern hindurch, als ob sie seit jeher da gewesen wäre.

Erst jetzt fällt ihm auf, dass die Bäume ganz anders aussehen als die, die er von zu Hause kennt. Und überhaupt scheint ihm alles ein kleines bisschen fremd zu sein. Wunderschön zwar, aber trotzdem ungewohnt. Auf einem Mauervorsprung neben ihm landet ein Vogel mit tollen bunten Federn. „Kannst du mir sagen, wo ich hier bin?“, fragt Rudi ihn schüchtern. „Wir sind hier in China“, antwortet der Vogel freundlich. „Du stehst gerade mitten auf der Chinesischen Mauer. Sie wurde über Jahrhunderte hinweg von ganz vielen verschiedenen Menschen gebaut. Und sie ist so lang, wie du es dir kaum vorstellen kannst.“

„Ich bin in China?“, ruft Rudi ungläubig. Der Mäuserich ist ganz aufgeregt. So weit weg von zu Hause war er noch nie. „Kein Wunder, dass hier alles anders ist, als ich es kenne. Ich bin ja fast auf der anderen Seite der Welt! Aber es ist wunderschön hier“, findet Rudi. Er kann sich gar nicht sattsehen an den Bergen, Bäumen, Menschen und Tieren. Neugierig geht er die Mauer entlang und der Vogel flattert fröhlich neben ihm her. Da hat Rudi plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. (sih)

„Wo mag dieses seltsame Gefühl nur herkommen?“, fragt sich Rudi. Wieder schaut er sich um. „Eigentlich ist es doch so schön hier und ich habe in letzter Zeit so viele tolle Sachen erlebt. Da gibt es doch gar keinen Grund dafür“, denkt er. Der kleine Mäuserich horcht in sich hinein. Und dann ist ihm klar, was los ist: Er hat Heimweh. Er hat so viele Länder kennengelernt, so viel Neues über die Städte erfahren, die er besucht hat, aber überall ist er allein hingereist. Klar, er hat auch viele neue Freunde gefunden, zum Beispiel das Kamel in Ägypten oder den Grashüpfer in Pisa. Aber er würde auch gerne allen seinen alten Freunden von seinen Abenteuern erzählen. Oder noch besser, mit ihnen zusammen die Welt entdecken.

Und seine Eltern, die vermisst Rudi auch. „Wie gut der französische Käse Papa bestimmt geschmeckt hätte“, überlegt Rudi. „Und Mama wäre sicher von der Krone der englischen Königin ganz begeistert gewesen.“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragt der bunte Vogel, der immer noch neben Rudi herflattert. Die Zeitungsmaus schreckt aus ihren Gedanken. „Ich bin ein bisschen traurig“, antwortet Rudi. „Es ist ganz wunderbar hier in China, aber ich habe Heimweh. Weißt du, ich bin schon ganz schön lange unterwegs“, sagt er. „Das kann ich verstehen“, antwortet der Vogel. „Ich fliege auch oft ganz hoch und ganz weit. Das ist toll, aber am Abend bin ich dann froh, wenn ich wieder in meinem Nest bin. Ich finde, du solltest dich wieder auf die Heimreise machen. Aber erst musst du mir noch sagen, wo du wohnst. Dann kann ich dich vielleicht einmal besuchen kommen.“

Rudi lächelt den Vogel an. „Ich komme aus dem Allgäu. Da wohne ich in einem großen Zeitungshaus. Aber du musst mir auch noch etwas verraten, bevor ich gehe: Was ist das?“ Der Mäuserich hält dem Vogel das glänzende Stück Fleisch hin, das ihn hergebracht hat. „Das ist Peking-Ente“, sagt der Vogel. „Die ist nach der Hauptstadt von China benannt.“ „Gut zu wissen“, sagt Rudi. „Tschüss, mach’s gut“, ruft er noch. Dann nimmt er einen Bissen von der Ente. Zurück im Verlag gibt es eine tolle Überraschung für die Zeitungsmaus: Rudis Eltern sind ebenfalls auf das Fest gekommen. Freudestrahlend rennt er auf Mama Maus und Papa Maus zu. (sih)

Ganz fest drückt der kleine Mäuserich seine Eltern. Und dann berichtetet er ihnen aufgeregt, was er alles erlebt hat. Er erzählt von Ägypten, Frankreich und Italien und allen anderen Ländern, in denen er zu Besuch war. Und natürlich von der Zauberplatte, die ihn überall hingebracht hat. Die beiden staunen nicht schlecht. „So etwas würde ich ja gerne einmal selber erleben“, sagt Papa Maus. Da hat Rudi eine Idee. „Schnell, kommt mit“, ruft er. „Wir machen gemeinsam eine Reise.“ Und schon saust er in Richtung der Zauberplatte davon.

Als die Familie vor der Platte mit den vielen Speisen steht, schaut Mama Maus ganz besorgt. „Wir können doch nicht einfach etwas von dem Essen stibitzen, das macht man nicht“, sagt sie. Rudi guckt schuldbewusst drein. „Ich habe ja immer nur ganz wenig genommen. Außerdem ist das Essen für alle Gäste des Festes da. Und wir sind ja Gäste, oder?“, sagt er. Papa Maus blickt ihn streng an. Dann lächelt er verschmitzt: „Du hast recht, auf diesem Fest sind wir Gäste. Immerhin ist das Zeitungshaus unser Zuhause. Und deswegen gönne ich mir jetzt einen Happs von der leckeren Currywurst, die so herrlich riecht.“ Und schon hat er hineingebissen und verschwindet. Mama Maus und Rudi tun es ihm gleich.

Berlin

Der Farbenwirbel beginnt von neuem und kurze Zeit später stehen die drei auf einem großen Platz vor einem riesigen Tor. Gleich sechs Pfeiler hat es und ganz oben drauf ist eine Skulptur zu sehen. Rudi erkennt eine Kutsche, die von Pferden gezogen wird. Dem kleinen Mäuserich kommt das alles ziemlich bekannt vor. Er ist sich sicher, dass er das Tor schon einmal auf Bildern und im Fernsehen gesehen hat. Er denkt scharf nach. Da kommt ihm sein Vater zur Hilfe. „Ach Rudi, das ist ja toll!“, ruft er. „Wir sind in Berlin und das da vorne, das ist das Brandenburger Tor. Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass wir hier landen. Schließlich ist Berlin berühmt für seine Currywurst.“ Und auch Mama Maus ist begeistert. Immerhin ist Berlin die Hauptstadt von Deutschland.

Eine ganze Weile noch spaziert die Familie durch die Straßen, schaut sich Denkmäler und Museen an und genießt die Zeit zusammen. Erst als Rudi bei jedem zweiten Wort gähnen muss, knabbern die drei wieder an der Currywurst und kehren ins Zeitungshaus zurück. Das Fest ist da auch schon fast vorbei, die meisten Gäste sind bereits gegangen. Und auch Familie Maus macht sich auf den Weg zurück in ihr Mauseloch. (sih)

ENDE